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Outdoor bei strahlendem Wetter

In der Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist Erlebnispädagogik ein wervolles Behandlungselement

Seien es allgemeine Faktoren wie ein Tapetenwechsel oder die Naturerfahrung, seien es die spezifischen Gruppentechniken oder die psychodynamischen Übungen. Vom 31. März bis zum 3. April 2014 haben sich Martin Waldner und Gerd Hagspiel, die dem Pflegeteam unserer Einrichtung angehören, mit sechs Patienten aufgemacht, wobei sich aus der aktuellen Patientenzusammensetzung ergab, dass es diesmal eine reine Männergruppe war. Im Vorfeld hatte es noch einige Spannungen gegeben, weil diffuse und unklare Verdachtsmomente hinsichtlich Drogenkonsums bestanden, diese lösten sich aber wie Gewitterwolken auf, sobald die Gruppe im Bus war und sich auf den Weg gemacht hatte.

Am Anfang stand wie immer ein Ausflug aufs Wasser. Mit unseren vier Kanus konnte das ruhige Gewässer des Alten Rheins zwischen Österreich und der Schweiz befahren werden. Am späten Nachmittag ging es weiter nach Bizau, wo in ca. 900 m Höhe eine Hütte bezogen wurde. Als nächstes wurde am Waldrand einen Lagerplatz geschaffen und es gelang, mit all dem Totholz und ohne in den Bestand der Bewaldung einzugreifen ein schönes, großes Feuer zu machen – in sicherem Abstand zum Wald, versteht sich.

Die Tagesabläufe hatten immer eine ähnliche Struktur. Nach dem Frühstück trafen sich alle zu einer Morgengruppe mit einem Rückblick auf den Vortag. Dabei sollten immer drei Ebenen betrachtet werden: Die Ebene des “Ich”, die Ebene des “Wir” sowie die Ebene der “Natur und der Umgebung”.

Dann erfolgten jeweils Übungen im Freien. Die erste Übung am Dienstag ist auch als „the cave“ bekannt: Ein Seil wird an etlichen Bäumen befestigt und dadurch wird die Begrenzung einer großen und unregelmäßigen Fläche geschaffen. Es werden dann Zweierteams gebildet, die mit verbundenen Augen anhand dieser Seile den Grundriss blind abgehen und in ihrer Größenordnung einschätzen sollen. Die beiden können dann jeweils aus diesem Bereich heraustreten und sollen dann auf einem Blatt Papier den Grundriss zeichnen. Es geht dabei also um räumliche Vorstellung, um Orientierung und nicht zuletzt auch darum, sich zu zweit einer Lösung anzunähern. Es zeigte sich auch, dass es ganz unterschiedliche Herangehensweisen gab. In einem Team dominierten Ausdauer, Ehrgeiz und Perfektionismus, ein anderes Paar reagierte sehr rasch mit Ungeduld und Überforderung. Schließlich konnten die Zeichnungen mit der Realität verglichen werden und die Ergebnisse waren tw. sehr eindrucksvoll und nahezu maßstabsgetreu korrekt.

Das Mittagessen wurde selbst zubereitet, auch die Grillkonstruktionen waren der Kreativität der Gruppe überlassen. Am ersten Nachmittag wurden die Vorbereitungen für „eine Nacht im Freien“ durchgeführt. Auch hier kamen die Gruppenteilnehmer zu ganz unterschiedlichen Lösungen. Während sich die einen ein komfortables Dreimannzelt bauten, wozu sie auch eine der Planen verwendeten, schufen sich zwei andere einen Iglu aus Tannenzweigen und dann gab es auch noch ein Hochbett auf einem Holzgerüst und die Unterlage bestand aus einer alten Türe, die in der Umgebung eines verfallenen Schuppens zu finden war. Vor der ersten Nacht gab es aber noch ein exquisites Abendessen mit frisch gegrillten Hühnerbeinen.

Eine weitere Übung ist das „Spinnennetz“, hier geht es darum, als Gruppe einen Teilnehmer durch ein Geflecht von Seilen zu heben, ohne dass eines der Seile berührt wird. Wenn dies nur einmal der Fall ist, muss wieder von vorne begonnen werden. Es war ein eindrucksvolles Hangeln und Hieven, Stemmen und Drücken. Auch hier zeigte sich ein großes kreatives und schöpferisches Potenzial. Dann gab es noch die Schluchtenüberquerung und dies ist immer mit der Frage verbunden, was möchte ich zurücklassen und was möchte ich mit hinüber nehmen. Am letzten Tag wurde eine gemeinsame Skulptur geschaffen, es wurde eine Mischung aus Tipi und einer riesigen Figur, die aus einem Kopf und acht Stangen bestand. Zwischen diesen Pfeilern wurden Tannenzweige befestigt, die wie Arme wirkten, die sich die Hände gaben. Am Abend hielt sich die ganze Gruppe in diesem Tipi auf, welches symbolisch für die Gemeinsamkeit und die Einigkeit stehen konnte. Der Kopf repräsentierte den „Spirit“ dieser Gruppe. Hätten sich am Schluss beim Aufräumen auch noch alle so fleißig und engagiert wie zuvor gezeigt, hätten diese Outdoortage als perfekt bezeichnet werden können. Trotz dieses kleinen Wermutstropfens haben sich alle sechs Patienten von einer sehr konstruktiven und kreativen Seite gezeigt, mit einem hohen Maß an sozialer Kompetenz, Hilfsbereitschaft und Verantwortungsgefühl. Das Suchtpatienten über derartige Seiten auch verfügen und diese auch zeigen können, wenn die Verhältnisse entsprechend sind, lässt sich bei Gelegenheiten wie dieser immer wieder sehr eindrucksvoll belegen.