Autor Thema: Alkohol - Realitätsverlust?  (Gelesen 7027 mal)

gio

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Alkohol - Realitätsverlust?
« am: 22 Februar 2007 »
Hallo,
es geht um einen schwer alkoholkranken Freund, der u.a. auch bei euch war und behauptet, sämtliche Therapien würden ihm "nichts bringen" und er müsse "alles selber machen".
Bis vor 1/2 Jahr konnte ich noch Klartext mit ihm sprechen, auch wenn er gewisse - für ihn unangenehme - Fakten nur mehr sehr ungern hören wollte. Mittlerweile stelle ich fest, dass sich dieser an und für sich sehr gebildete Mensch seine eigene Realität zurechtbastelt - Dinge, die für ihn zu schmerzhaft bzw. unerträglich zu realisieren wären, werden einfach geleugnet bzw. so verfälscht, dass er damit leben kann bzw. sein Verhalten in dieser "neuen" Realität legitim ist. Er redet sich dies so ein, dass er diese Neukreationen selbst felsenfest glaubt. Es betrifft übrigens hauptsächlich wichtige Chancen, die er sich mit seiner nicht bewältigten Sucht selbst total vermasselt hat.
Dazu passt irgendwie auch, dass er Gesprächen mit mir ausweicht - weil er sich sehr wohl bewußt ist, dass ich seine sorgfältig zurechtgebastelte Realität erschüttere, weil ich als einst bester Freund über die Tatsachen Bescheid weiß??
Bitte klärt mich auf - sehe ich das richtig, ist dies eine Art Verdrängungsstrategie? Es ist mir im kleinen schon vor einigen Jahren aufgefallen, aber derart massiv wie jetzt - das ist neu!
Hoffe auf baldige Antwort
Gio

ME-Redaktion

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Re: Alkohol - Realitätsverlust?
« Antwort #1 am: 27 Februar 2007 »
Hallo Gio, es ist typisch für Alkoholkranke, das sie die Kontrolle über das Trinken verlieren. Sie können es aus eigener Kraft nicht mehr beenden. Die Wahrnehmung des Problems wird auch dadurch erschwert, weil die Kranken es meist noch schaffen für einige Tage auf das Suchtmittel zu verzichten. Damit sind sie im Irrglauben, dass sie alles selbst in den Griff bekommen. Wer entgegen den besten Vorsätzen immer wieder die Kontrolle über sein Verhalten verliert, erlebt das Versagen und dies löst Schamgefühle aus. Wer dann zugibt, sich nicht mehr unter Kontrolle zuhaben, muss mit einem Verlust an Wertschätzung rechnen.

Sucht nach wie vor ist ein Tabuthema. Die meisten Menschen verbinden mit diesen Wörtern Klischees wie gescheiterte Existenzen, Obdachlose oder Drogen- Prostituierte etc.  Wer sieht sich gerne so im Spiegel? Sie haben Angst sozial und moralisch geächtet zu werden. Die Realität zu verleugnen, schafft einen letzten ?Schonraum?. Die Betroffen müssen erkennen, dass das die Suchtgefahr schon viel früher beginnt.  Auch die Angst ohne ihr Suchtmittel keine Entspannung und Freude mehr zu erleben, erschwert den Weg in ein suchtfreies Leben. Erst wenn die Sucht als solches erkannt und der Wille für ein abstinentes Leben erwacht ist, kann einen Therapie Erfolg haben

Um sich zu rechtfertigen, suchen die Erklärungen und Begründungen für ihr Trinkverhalten, bagatellisieren und verdrängen es. Selbstmitleid, ein Wechsel zwischen großspurigem Benehmen und Zerknirschung, Verlust des Selbstwertgefühls und immer drückendere Schuldgefühle zeigen sich. Der Kranke fühlt sich von seiner Umgebung immer weniger verstanden, er gibt Freundschaften und Beziehungen auf. Entzugssymptome wie Unruhe, Gereiztheit, Schweißausbrüche, Händezittern, morgendliches Würgen und Herzbeschwerden treten ebenso wie körperliche Folgeschäden mehr und mehr zutage.

Wenn Du Deinen Freund besser verstehen willst, kannst Du Dir unter http://www.mariaebene.at/download/angehoerigenbrosch.pdf
eine Informationsbroschüre downloaden oder gerne in einer unserer Beratungsstellen vorbeikommen.

ME-Redaktion

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Re: Alkohol - Realitätsverlust?
« Antwort #2 am: 28 Februar 2007 »
Sehr geehrter Gio, das von Ihnen beschriebene Verhalten, entspricht völlig dem was Sie vermuten - nämlich der Ambivalenz in der  Suchtkranke stecken - zwischen Erkennen und Verdrängen, Wissen und nicht Wahr haben wollen. Die Hintergründe dafür sind vielfältig. Nicht unwesentlich ist auch die so genannte alkoholbedingte Wesensveränderung. Für Angehörige und Freunde ist eine solche Situation sehr belastend und an sich nicht zu verstehen. Wichtig zu erwähnen ist, dass Sucht ist eine Krankheit ist, die mit den beschriebenen Verhaltensweisen einhergehen kann, deren Therapie mit der Bereitschaft des Betroffenen, eine solche zu machen, beginnt. Wohlwollendes Zuwarten und gleichzeitiges Abgrenzen ist die Herausforderung an seine Umgebung.

Mit freundlichen Grüßen, 
für die ME-Redaktion Dr. Johanna Rohrer